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Sichere Waffenhandhabung unter Stress – warum Standards wichtiger sind als Bauchgefühl

Sichere Waffenhandhabung unter Stress – warum Standards wichtiger sind als Bauchgefühl

Solange alles ruhig ist, glauben viele Menschen, sie hätten ihre Waffe und alles, was damit zu tun hat, fest im Griff.

Auf dem (Schiess-)Stand, komplett ohne Zeitdruck, mit klaren, sogar vorgeschriebenen (Schiessstand-) Abläufen und ohne mentale Belastung funktioniert vieles halbwegs ordentlich. Gerade genau deshalb wird jedoch oft überschätzt, wie sicher und stabil die eigene Waffenhandhabung wirklich ist.

Das eigentliche "echte" Niveau zeigt sich allerdings nicht in entspannten Momenten in einer Laborumgebung, sondern es zeigt sich unter Stress. Warum?

Stress verändert Verhalten und dabei ist es egal, ob es positiver Stress (verliebt sein) oder negativer Stress ist (Kündigung, Streit). Der Körper unterscheidet nicht zwischen positiv und negativ, es werden Hormone ausgeschüttet und die machen etwas mit uns.
Stress verengt Aufmerksamkeit, beschleunigt Entscheidungen, reduziert Feinmotorik und macht sichtbar, welche Abläufe tatsächlich verinnerlicht sind und welche nur oberflächlich funktionieren. Oberflächlich bedeutet "mit nachdenken" etwas korrekt (und sicher) ausführen können. Das Problem ist allerdings: unter echtem Stress ist nichts mehr mit "nachdenken". 

Warum Stress kein Sonderfall ist

Viele behandeln das Thema "Stress" so, als wäre er eine außergewöhnliche Zusatzbelastung, die nur in besonderen Situationen relevant wird. Das ist zu kurz gedacht und Anfang des Problems. Stress als Ausnahme zu behandeln und vor allem als etwas, was man sich aussuchen kann, frei nach dem Motto "das brauche ich nicht, habe ich ja noch nie gebraucht".

Im jagdlichen, sportlichen oder beruflichen Umgang mit Waffen ist Stress jedoch keine absurde Ausnahme. Er ist je nach Kontext eine realistische Möglichkeit mir einer hohen Eintrittswahrscheinlichkeit.

Stress kann sein:

  • Zeitdruck,
  • Erwartungsdruck,
  • soziale Beobachtung,
  • jagdliche Spannung,
  • unklare Lagebilder,
  • körperliche Belastung, die vor einer Schussabgabe erfolgt
  • oder die schlichte Tatsache, dass jetzt etwas zählt.
  • im schlimmsten Fall wird sogar auf einen geschossen oder eine Gefährdungs für das eigene Leben besteht.

Wer dann nur auf Bauchgefühl setzt oder gar nachdenken muss, um eine Handhabung korrekt auszuführen, der hat sich ein Problem antrainiert.

Das Problem mit dem Bauchgefühl

„Ich mache das nach Gefühl“ klingt für viele souverän, als ob es eine Überlegenheit siganlisiert. 
In Wahrheit ist es oft ein Warnsignal, speziell für den trainierten Außenstehenden. 

"Bauchgefühl" ist nur dann belastbar, wenn dahinter saubere, oft wiederholte und standardisierte Abläufe stehen. Dann ist es jedoch kein "Bauchgefühl" mehr, sondern es sind feingetunte Automatismen. Fehlen diese Standards, ist das vermeintliche "Bauchgefühl" häufig nur eine (oft sogar schlechte) Gewohnheit, ohne stabile Grundlage, ohne echtes Fundament. 

Eine schlechte Gewohnheit bricht unter Stress nicht nur schnell auseinander, sie wird zur Gefahr (siehe das Thema gute Gewohnheiten und Sicherheitsregeln)

Dann sieht man immer wieder typische Fehler, speziell außerhalb vom Schiessstand:

  • die Mündung wandert unkontrolliert in der Gegend herum,
  • der Finger landet zu früh am Abzug,
  • Lade- oder Entladevorgänge werden hektisch und ohne Plan durchgeführt,
  • Ladezustandskontrollen werden unsauber, falls sie überhaupt ausgeführt werden
  • Aufmerksamkeit springt rein zufällig zwischen außen und innen herum,
  • Sicherheitsschritte werden verkürzt oder ganz vergessen.

Genau deshalb ist Bauchgefühl kein Ersatz für Standards und Standards werden in einer Ausbildung vermittelt und im Training geschärft (siehe "Unterschied zwischen Ausbildung und Training").

Was Standards leisten

Standards entlasten den Kopf.

Sie schaffen verlässliche Abläufe, auf die auch dann zurückgegriffen werden kann, wenn die Situation enger, schneller oder emotionaler wird.

Das bedeutet nicht, dass Standards jede Lage identisch machen.
Aber sie schaffen einen stabilen Rahmen, in dem sich Handlungssicherheit überhaupt erst entwickeln kann.

Standards helfen dabei,

  • Aufmerksamkeit zu ordnen,
  • Fehlerwahrscheinlichkeit zu senken,
  • Sicherheitsschritte konstant zu halten,
  • und auch unter Druck kontrolliert zu arbeiten.

Echte Sicherheit ist Verhalten, nicht Theorie

Viele kennen die 4 Sicherheitsregeln, zumindest in der Theorie. Das reicht jedoch nicht.

Sicherheit entsteht nicht dadurch, dass jemand Regeln wiedergeben kann.
Sicherheit entsteht dadurch, dass diese Regeln als Verhalten sichtbar werden – auch dann, wenn der Kopf belastet ist. Genau das ist der entscheidende Punkt.

Ein Mensch ist nicht sicher, weil er weiß, was richtig wäre, er ist sicher, wenn er es zuverlässig automatisch tut.

Genau deshalb müssen Sicherheitsstandards nicht nur erklärt, sondern trainiert und als gute Gewohnheit eingefordert werden.

Was unter Stress wirklich sichtbar wird

Stress deckt im übrigen keine magischen, neuen Fehler auf. Er verstärkt meist nur das, was vorher schon nicht sauber war. Wenn jemand unter ruhigen Bedingungen schon unsauber arbeitet, wird das unter Druck nicht besser, ganz im Gegenteil.

Unter Stress zeigt sich:

  • ob die Mündungsdisziplin wirklich sitzt,
  • ob Abzugsfingerdisziplin automatisiert ist,
  • ob die Zustandskontrolle klar bleibt,
  • ob Bewegung und Waffenhandhabung entkoppelt oder chaotisch werden,
  • und ob Entscheidungen trotz Belastung noch kontrolliert getroffen werden.

Stress ist also kein Gegner, sondern eher "ein Verstärker der Wahrheit". Für viele ist diese Wahrheit eine unbequeme und wird gerne vermieden - auf Kosten der Sicherheit anderer.

Warum Ausbildung Standards schaffen muss

Wenn Ausbildung nur Inhalte zeigt, aber keine stabilen Standards aufbaut, bleibt sie oberflächlich.

Gute Ausbildung muss deshalb mehr leisten als technische Hinweise. Sie muss Verhaltensmuster etablieren und das "Warum" dahinter verständlich vermitteln. Nur mit einem "Warum" können wir ein "Wie" verinnerlichen.

Der Teilnehmer braucht nicht nur Informationen, sondern klare, belastbare Handlungslinien:

  • Was tue ich immer?
  • Was tue ich nie?
  • Welche Reihenfolge gilt?
  • Welche Sicherheitsgrenzen sind nicht verhandelbar?

Je klarer diese Standards sind, desto belastbarer wird die Waffenhandhabung.

Standards sind keine Einschränkung, sondern Freiheit

Manche empfinden Standards als starr oder gar hinderlich. Tatsächlich bewirken sie oft das Gegenteil und geben uns Freiheit, denn:

Wer keine klaren Standards hat, muss in jeder Situation neu improvisieren. Das kostet Aufmerksamkeit, Zeit und Sicherheit. Wer dagegen saubere Standards aufgebaut hat, kann sich unter Belastung besser auf das Wesentliche konzentrieren - oder auch das wesentliche geniessen z.B. den Anblick von Wild.

Standards machen Handlung nicht mechanisch, sie machen sie verlässlich.

Fazit

Sichere Waffenhandhabung unter Stress entsteht nicht durch Selbstvertrauen allein und schon gar nicht durch Bauchgefühl. Sie entsteht durch ausgebildete Standards und trainierte Systematiken.

Wer glaubt, Sicherheit sei vor allem eine Frage des Bauchgefühls maximal von beschriebenem Papier, dessen Haltung und Erfahrung, greift zu kurz. Das viel zitierte "Bauchgefühl" hilft nur dann, wenn es auf klaren, sauberen und wiederholbaren Abläufen aufbaut. 

Unter Stress bleibt nicht das übrig, was man gerne können würde, sondern es bleibt das übrig, was wirklich verinnerlicht wurde.

Genau deshalb sind Standards wichtiger als Gefühl.

Deswegen: Mehr Klarheit, mehr Methode, weniger Halbwissen.
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ÜBER DEN AUTOR

Autor

Christian Bender

Christian Bender ist Experte für Resilienztraining und stressresistente Waffenhandhabung. Er ist seit 1994 Jagdscheininhaber, zertifizierter Schiessausbilder und u.a. Mitglied der "International Association of Law Enforcement Firearms Instructors" IALEFI. Christian Bender hat bereits zahlreiche Fachartikel und Vorträge zu den Themen Waffenhandhabung, Schiesstechnik, Ballistik und vielen anderen, relevanten Themengebieten verfasst, in denen er sein Wissen und seine Expertise geteilt hat.

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