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Fangschuss mit der Kurzwaffe - welche Fähigkeiten dabei wirklich zählen

Fangschüsse mit der Kurzwaffe – welche Fähigkeiten wirklich zählen

"Der Fangschuss" mit der Kurzwaffe wird im jagdlichen Bereich oft entweder verklärt oder verharmlost. Erstens weiß niemand vorher ob es wirklich "der eine"Fangschuss" sein wird (weder mit Kurzwaffe, noch mit Langwaffe) und zweitens wird die Realität der Wirkung von Schusswaffen auf Lebewesen vollkommen verklärt. Dies führt in der Konsequenz zu einer Kette von Missverständnissen, sowohl in Bezug auf Ausrüstung, Handlung als auch die Durchführung (folge diesem Link für den entsprechenden Artikel dazu).

Die einen sprechen darüber, als sei es ein Spezialthema für besonders erfahrene Praktiker oder nur eine Minderheit der Anwender. Die anderen behandeln das Thema fast nebenbei, als genüge es wenn dann einfach nur eine Kurzwaffe zu besitzen, geschweige denn damit strukturiert zu üben. Beides greift zu kurz.

Denn das Thema "Fangschuss", speziell mit der Kurzwaffe ist kein Bereich für Halbwissen, Gewohnheit oder Improvisation. Er verlangt ein hohes Maß an Sicherheit, Kontrolle und Klarheit, sowohl technisch, mental als auch handwerklich.

Warum "Fangschuss" ein besonderer Kontext ist

"Fangschuss" ist keine klassische Schießstand-Situation und auch keine klassische Jagdsituation. "Fangschuss" greift schon vom Ausdruck her zu kurz, weshalb wir eher den Plural als Normalität sehen sollten.

Sie finden meist nicht in Ruhe statt, da im Vorfeld etwas schief gegangen ist was zu der Abfangsituation geführt hat. 
Sie sind oft geprägt von Nähe, Spannung, eingeschränkten Handlungsspielräumen und echtem Entscheidungsdruck.

Das macht das Thema erstmal anspruchsvoller als einen Ansitz an der Kirrung oder am Waldrand, denn hier wirken mehrere Faktoren gleichzeitig:

  • meistens kurze Distanzen (wenn Kurzwaffe zum Einsatz kommt, dann aufgrund geringer Distanz),
  • emotionale Belastung,
  • Zeitdruck (wir wollen das Leiden des Tieres schnellstmöglich beenden),
  • unklare Bewegungen des Stücks,
  • körperliche Nähe,
  • und oft eine Umgebung, die keine Fehler verzeiht.

Gerade deshalb reicht es nicht, „irgendwie zu schießen“, sondern wir brauchen einen Plan, feste Abläufe auf die wir zurückfallen können.

Besitz ist nicht Kompetenz

Viele Jäger haben eine Kurzwaffe für genau diesen Kontext, das allein sagt aber gar nichts aus, denn zwischen Besitz, gelegentlicher Nutzung und echter Handlungssicherheit liegt ein erheblicher Unterschied.

Wer das Thema "Fangschuss", speziell mit der Kurzwaffe ernst nimmt, muss sich ehrlich fragen:

  • Sitzt meine Waffenhandhabung wirklich?
  • Kann ich meine Abläufe unter Druck sicher arbeiten?
  • Habe ich meine Bewegungsabläufe methodisch aufgebaut?
  • Ist meine Schussabgabe auch auf kurze Distanz kontrolliert?
  • Weiß ich, was ich tue – oder hoffe ich nur, dass es funktioniert?

Diese Fragen sind zwar unangenehm, aber absolut notwendig.

Welche Fähigkeiten beim Thema "Fangschuss" wirklich zählen

1. Sichere Waffenhandhabung

Bevor über alles andere gesprochen wird, muss eines klar sein:
Ohne saubere Waffenhandhabung und Verständnis für die notwendigen Abläufe, ist alles Weitere vollkommen wertlos.

Zu proferssioneller Waffenhandhabung gehören:

  • konsequente Mündungsdisziplin,
  • klare Fingerdisziplin,
  • Sicherheit in Zustandskontrollen und Störungsbeseitigungen
  • belastbare Lade-, Entlade- und Bewegungsabläufe,
  • sowie zuletzt unter allem Umständen ruhige, kontrollierte Handlungsabfolgen.

Gerade auf kurze Distanz und in enger Umgebung ist jeder Fehler sofort kritisch.

2. Kontrolle auf kurze Distanz

Viele unterschätzen kurze Distanzen, denn sie wirken zwar leicht, sind es aber nicht automatisch.

Auch auf kurze Entfernungen muss die Schussabgabe kontrolliert sein - sogar umso mehr als auf weitere. Gerade weil die Situation räumlich enger und oft hektischer ist, darf der Schütze hier auf keinen Fall schlampig werden, auch nicht in der Hektik.

Entscheidend sind hier während der Schussabgabe:

  • klares, den Umständen angepasstes Visierbild,
  • kontrollierter Haltebereich,
  • saubere Abzugsbetätigung, muss im Zweifel mehrfach hintereinander möglich sein
  • und bewusstes Nachhalten, auch aus oben benanntem Grund.

3. Mentale Klarheit

Das Thema "Fangschuss" ist kein rein technisches Thema, es erfordert auch mentale Stabilität. Mentale Stabilität in einer Situation, die immer davon geprägt ist, dass sie SCHEI**E ist.

Wer in so der Situation hektisch wird, abkürzt oder in Aktionismus verfällt, erhöht die Fehlerwahrscheinlichkeit massiv und macht damit eine ohnehin schlimme Situation nur noch schlimmer.

Mentale Klarheit bedeutet:

  • die Lage ruhig erfassen,
  • Entschlossenheit zu Handeln entwickeln,
  • keine unnötige Eile erzeugen,
  • Standards nicht verlassen,
  • und dann Entscheidungen bewusst statt impulsiv treffen und
  • durchziehen.

4. Saubere Entscheidungsfähigkeit

Nicht jeder Moment ist automatisch ein guter Moment für eine Handlung, aber in manchen Situationen müssen wir handeln, ob wir die Situation "gut" finden oder nicht.

Deshalb braucht der Jäger nicht nur technische Fähigkeit, sondern auch die Fähigkeit zur Lagebeurteilung:

  • Was ist jetzt gerade die sicherste Handlungsoption?
  • Wie ist die aktuelle Zielumgebung?
  • Welche Risiken bestehen in genau diesem Moment?
  • Ist die aktuelle Position sinnvoll oder muss ich mich bewegen?
  • Ist die Situation hier gerade wirklich kontrolliert?

Wer das nicht sauber erkennt und trennt, produziert leicht unnötige Risiken.

Der häufigste Fehler: den Fangschuss als bloße „Notlösung“ qoder "Ausnahmefall" behandeln

Ein häufiger Denkfehler besteht darin, den Fangschuss zwar als mögliches Szenario mitzudenken, ihn aber praktisch kaum zu trainieren oder methodisch zu durchdringen.

Dann lebt man von einer stillen Hoffnung: „Wird schon gehen, wenn es mal nötig ist.“ oder gar "Wird mir schon nicht passieren."

Das ist kein Plan, das ist pure Hoffnung und Hoffnung ist keine Strategie.

Gerade eben weil der Fangschuss kein "Alltagsschießen" ist, muss das Thema fachlich sauber vorbereitet werden. Nicht durch Show, sondern durch robuste Grundlagen. Genau wie das Thema "Erste Hilfe": niemand will sie anwenden müssen, aber in 100% der Fälle in denen man sie schliesslich doch anwenden muss, ist man froh eine entsprechende Ausbildung genossen zu haben.

Was gute Waffen- und Schiessausbildung hier leisten muss

Gute Ausbildung zum Thema "Fangschuss mit der Kurzwaffe" muss mehr leisten als Kaliberdebatten, Ausrüstungsdiskussionen oder Meinungen. Auch Stamtischmythen und andere "Bro-Science" haben hier wenig verloren. 

Sie muss den Schützen dahin bringen, dass er:

  • seine Waffe sicher und sauber handhaben kann,
  • die Grundfertigkeiten unter Kontrolle hat,
  • seine Abläufe auch unter Spannung stabil hält,
  • und seine Grenzen ehrlich einschätzen kann.

Es geht also nicht darum, möglichst „hart“ zu trainieren, sondern es geht darum, methodisch tragfähige Kompetenz aufzubauen. Methode statt Zufall eben.

Warum gerade die Kurzwaffe so vermeintlich hohe Anforderungen stellt

Die Kurzwaffe ist kein einfaches Werkzeug. Das ist richtig.
Sie verlangt mehr Präzision in den Grundlagen und verzeiht weniger Fehler als eine Langwaffe.

Gerade deshalb wird sie im jagdlichen Kontext häufig überschätzt oder falsch eingeordnet, häufig auch als "unnötig" angesehen weil es eben nicht ausreicht für die Kurzwaffe, wenn man sie so grob behandelt wie seine Büchse..

Wer mit der Kurzwaffe sauber arbeiten will, braucht keine Romantik, sondern Handwerk und einen Plan. Langwaffe funktioniert häufig noch mit unterirdischen Fähigkeiten, Kurzwaffe ausschliesslich mit hochqualitativen. Eine Sache des Anspruchs an sich selbst also: will ich "grob" und zufällig bleiben a la Langwaffe oder lerne ich es methodisch, systematisch und richtig, so dass ich es auf die Langwaffe übertragen kann?

Fazit

Das Thema "Fangschuss", speziell mit der Kurzwaffe ist kein Nebenthema und bietet schon gar nicht erst Raum für irgendeine Form von zufälliger Improvisation, wenn es dazu kommt.

Das Thema verlangt grundsätzlich:

  • Verständnis für sichere Waffenhandhabung,
  • Kenntnis der und saubere Ausführungen der Grundfertigkeiten,
  • mentale Klarheit in der Anwendung
  • belastbare Standards,
  • und ehrliche Selbsteinschätzung.

Wer diese Fähigkeiten nicht bewusst entwickelt, sollte sich nichts vormachen: er bleibt auf Amateurlevel und das in einem Bereich, in dem ausschliesslich Professionalität ihren Platz hat. Denn: gerade in Situationen, in denen es ernst wird, trägt nicht das "gute Gefühl" und führt daher nicht zu belastbaren Ergebnissen. Es trägt nur das, was wirklich methodisch aufgebaut und verinnerlicht wurde.

Daher: Standards sind wichtiger als Gefühl und genau deswegen:

Mehr Klarheit, mehr Methode, weniger Halbwissen.
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ÜBER DEN AUTOR

Autor

Christian Bender

Christian Bender ist Experte für Resilienztraining und stressresistente Waffenhandhabung. Er ist seit 1994 Jagdscheininhaber, zertifizierter Schiessausbilder und u.a. Mitglied der "International Association of Law Enforcement Firearms Instructors" IALEFI. Christian Bender hat bereits zahlreiche Fachartikel und Vorträge zu den Themen Waffenhandhabung, Schiesstechnik, Ballistik und vielen anderen, relevanten Themengebieten verfasst, in denen er sein Wissen und seine Expertise geteilt hat.

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